Zeitgeist Northwest Book Review

 
Schnee

Pamuk, Orhan,
Schnee
Aus dem Türkischen von Christoph K. Neumann.
München/Wien: Carl Hanser Verlag, 2005.
Originaltitel: Kar, ersch.  bei Iletisim, Istanbul, 2002.
512 Seiten
2006 erhielt Pamuk den Nobelpreis für Literatur

 

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Die Romanhandlung spielt in Kars, einer Kleinstadt nahe der Nordostgrenze der Türkei. Der in Deutschland lebende türkische Schriftsteller Ka kehrt in seine Heimat zurück, um ein aktuelles soziales Problem zu verfolgen. Der säkularistische türkische Staat untersagt es den Frauen, in staatlichen Schulen und Universitäten ihr Haupthaar unter einem Kopftuch zu verbergen. Mehrere in traditionellen Familien aufgewachsene junge Frauen, denen auf diese Weise der Zugang zur höheren Bildung versagt bleibt, haben es vorgezogen, lieber Selbstmord zu begehen als das Kopftuch abzulegen. Kas Ziel ist, diesem Phänomen nachzuspüren, und darüber in den Medien Istanbuls zu berichten.
Im Laufe seines dreitägigen Aufenthalts in der tief verschneiten Stadt verändert sich sein Leben von Grund auf. Er trifft mit Vertretern der verschiedensten sozialen Gruppen zusammen. Da sind die Kemalisten, die den allgewaltigen laizistischen Staat und seine oft brutal vorgehende Polizei unterstützen. Ihre Hauptgegenspieler sind die militanten Islamisten, deren Fernziel in der Errichtung einer islamistischen Theokratie besteht. Zu ihnen gesellen sich kurdische Formationen, die ihrerseits dem türkischen Staat abspenstig und deshalb verdächtig sind, und schließlich armenische Volksteile, unter denen die Erinnerung an das Armeniermassaker der frühen Zwanziger Jahre nach wie vor lebendig ist.
Dieses komplexe Kräftespiel beeinflusst in mehr oder weniger dramatischer Weise das Denken und Handeln der Romanfiguren. Ka findet das Glück seines Lebens in seiner Liebe zu einer früheren Studienkollegin, der außerordentlich schönen Ipek, die er allerdings am Ende nicht überzeugen kann, ihm nach Frankfurt zu folgen. Ihre Schwester Kadife ist mit dem polizeilich gesuchten islamistischen Staatsfeind Lapislazuli liiert. Ka verrät Lapislazulis Versteck der Polizei und verursacht so dessen Ermordung.
Obwohl Kars durch den unaufhörlichen Schneefall von der Außenwelt praktisch abgeschnitten ist, bestimmen die übergreifenden nationalen Belange der türkischen Gesellschaft auch das -- mitunter tödliche -- politische Ränkespiel in der kleinen Grenzstadt. Während der Aufführung eines politisch relevanten Theaterstücks kommt es zu Schießereien und Verhaftungen. Bei einem zweiten solchen Anlass legt Kadife auf der Bühne demonstrativ ihr Kopftuch ab, während ein politischer Aktivist ebenfalls auf der Bühne vor aller Augen erschossen wird.
Ka, der nach Jahren des Schweigens in Kars zum ersten Mal wieder begonnen hat, Gedichte zu schreiben, kehrt alleine nach Frankfurt zurück. Vier Jahre später wird er dort von einem Unbekannten auf der Straße erschossen. Bei dieser Gelegenheit geht auch sein Manuskript der Kars-Gedichte verloren.
Nach dem Tod des Protagonisten tritt der mit Ka eng befreundete Erzähler Orhan Bey stärker in den Vordergrund. Er reist seinerseits nach Kars und folgt den Spuren, die Ka dort hinterlassen hat. Er erwägt, einen Roman darüber zu schreiben. Auch während dieser Reise ist Kars tief verschneit. Das Leitmotiv des langsam niedersinkenden, allgegenwärtigen Schnees, der am Ende alles zudeckt, wird somit zum Thema und Titel des Romans aufgewertet.
Ein komplexes, dicht geschriebenes Werk, das gerade in seiner deutschen Fassung eine willkommene Hilfe sein mag, deutsche Leser mit einem Land vertraut zu machen, das in unzähligen Hinsichten ein wichtiger geopolitischer Partner Deutschlands geworden ist.

 

 
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